Künstlerischer Leiter

Wolfgang Schaller, seit 1970 Autor und Dramaturg, seit 1986 Künstlerischer Leiter der Herkuleskeule.

Von 1997 bis Juli 2012 war er Intendant des Dresdner Ensembles.

 

Laudatio zur Verleihung des Sterns der Satire auf dem Walke of Fame des deutschen Kabarettarchivs 2009

„Wolfgang Schaller (1940) ist als elegischer Verfechter einer linken Utopie der profilierteste Autor des ostdeutschen Kabaretts. Seit 1970 Mitglied der Dresdner ,Herkuleskeule’, prägt er als Dramaturg, Hausautor und seit 1988 als Künstlerischer Leiter den Stil des sich zum mutigsten und modernsten Kabarett der DDR entwickelnden Ensembles, wobei insbesondere die mit Peter Ensikat verfassten Kabarett-Stücke Maßstäbe setzen. Als empathischer Fürsprecher des kleinen Mannes und engagierter Verteidiger eines ostdeutschen Selbstbewusstseins bewahrt sich der hoffnungsvolle Skeptiker auch nach 1990 seinen Widerspruchsgeist wie seinen Glauben an das Potential von Kabarett als Motor gesellschaftlicher Veränderungen. Peter Ensikat sagt über Schaller: „Da war ein neuer Ton, ein ganz neuer Ernst hinter dem Spaß. Da machte endlich mal wieder einer Satire, bei der der Spaß aufhörte, harmlos zu sein. Sein Witz schien aus einer Wut zu kommen, die ich gut kannte. Es war die Wut darüber, dass in dieser DDR das, was man Sozialismus nannte, zum Witz verkommen war ... Dass heute unter denen, die ihm heute seine Haltung vorwerfen, viele sind, die ihm diese Haltung schon früher vorwarfen, beweist, dass es sich bei der Schallerschen wirklich um eine Haltung handelt.“

 

Der Gratwanderer von Dieter Hildebrandt, 2010

„Es handelt sich um Wolfgang Schaller. Um keinen Geringeren. An ihm und seinem Partner Peter Ensikat konnte ich das Geheimnis, besser gesagt, das Phänomen des DDR-Kabaretts studieren. Ob ich mein Studienziel erreicht habe, weiß ich nicht, aber ein bisschen mehr weiß ich als in den kalten Kriegsjahren. Kein Zweifel, das Kabarett der DDR hat Triumphe gefeiert. Man musste jahrelang anstehen, um in eines dieser Häuser hineinzukommen. Es gibt in der Geschichte des deutschen Kabaretts nichts Vergleichbares. Es beschäftigte Vertreter des Staates, der Partei, es löste Diskussionen aus, es spaltete Persönlichkeiten und forderte zum Nachdenken heraus, ob denn die Idee des Sozialismus nicht zu schade sei für die, die sie gerade verwalten. Man darf nicht vergessen mit welchem Mut und welcher Verve Kabarettisten, die in erster Linie verantwortlich waren gegenüber der Partei, diese Frage immer wieder gestellt haben. Wolfgang Schaller war mir natürlich schon lange bevor wir uns das erste Mal trafen, und das war 1985 in Leipzig, bekannt. Wenn ich ihn einen Gratwanderer nenne, so muss ich erklären, was ich für den Grat gehalten habe. Er war selbstverständlich für die Gründung dieses Staates, war besorgt um die Erhaltung der Grundidee, nämlich endlich den Versuch zu wagen, eine demokratische Republik zu schaffen, konnte aber, und kein Mensch kann sein Talent auf Dauer unterdrücken, nicht schweigen, wenn er diese Idee durch falsche Handlungen und zunehmende Entmündigung der Bürger in Gefahr geraten sah. Wolfgang Schaller ist nicht einen Schritt zurückgewichen. Sein Witz hat in geschützt, seine Begabung hat ihm den beschützenden Erfolg gebracht. Er hat es gottlob überlebt. Meine Hochachtung sei ihm versichert, und ich wünsche ihm für alles den gebührenden Erfolg und das bleibende Vertrauen seiner Anhänger, wozu ich gehöre.“

 

Nähre Dich rötlich DER SPIEGEL 7/1987

„Beim "1. Nationalen Theaterfestival der DDR" brillierten die Kabaretts - in der Rolle kritischen Gegenwart-Theaters....

Wolfgang Schaller textete mit seinem Berliner Kompagnon Peter Ensikat vor sieben Jahren das mittlerweile zum Klassiker gewordene Programm "Bürger, schützt eure Anlagen". Kuriosität wieder für den "Bundi": 32 DDR-Bühnen spielten den Text bereits nach, als wär´s ein Repertoire-Stück; und der FDGB, der DDR-Gewerkschaftsbund, bedankte sich mit seinem "Kunstpreis".

Mit dem Klassiker kam die Uraufführungs-Truppe, die Dresdner "Herkuleskeule", nach Berlin - ein blitzblankes Vergnügen, ein irrer Erfolg beim Publikum, von haltbarer Aktualität offenbar und zweifellos ein Schrittmacher der Kabarett-Kunst. Denn Schaller/Ensikat lassen das gute alte Nummern- und "Reizwort"-Kabarett weit hinter sich; eine durchgängige Fabel erzählt, mit satirischem Brio und dialektischen Mäandern, vom Leben eines Toten: des ollen, aufrechten Proleten Paul. Der war "ein Genosse, wie er im Buche steht, hatte also im Leben keinen leichten Stand". Er blieb noch "aktiv, als sich andere schon auf seinen Lorbeeren ausruhten". Und seine "schwersten Fehler" wurden "erst viel später als richtungweisend erkannt". Am Ideal Paul messen Ensikat/Schaller die Realität der DDR, die Bonzen, Schlamper, Duckmäuser, Blech-Bläser. Heroisch. "Es ist eine prächtige Zeit für die Reglosen. Das muss sich ändern" - schrieb Manfred von Ardenne der "Herkuleskeule" ins Stammbuch. Bei richtigem Licht besehen, blicken die starren Erz-Väter vor der DDR-Volkskammer tatsächlich äußerst argwöhnisch auf das Land unter ihren Füßen.“


 

Die lodernde Wut des Kabarettisten – Wolfgang Schaller, Autor des Dresdner Kult-Kabaretts „Die Herkuleskeule“ legt einen bissigen Satireband vor Rolf Potthof in der Westdeutschen Allgemeinen am 6.10.2010


„Wolfgang Schaller spricht, wenn er schreibt, Menschen aus der Seele. Nun trat er mit einem Buch vor ein noch breiteres als sein Bühnenpublikum. Es heißt „Morgen war´s schöner“ und ist ein Satire-Sammelband. Er charakterisiert den Autor als jemanden, der die DDR-Diktatur Diktatur nennt, ihre Bürger aber nicht aus hochnäsiger (West-) Perspektive gedemütigt sehen will. Was Schaller schreibt, besticht. Ob Staat, Kirche Partei, Mächtige, Stammtisch- oder andere national(istisch)e Dumpfheiten. Man erkennt eine weit über das Kabarettisten-Eigene, über professionelle Ironie und Satire hinausreihende lodernde Wut gegenüber einer im Land verbreiteten Borniertheit, Arroganz, Intoleranz. Man erkennt eine Verachtung gegenüber der Unfähigkeit von Vertretern sogenannter Eliten, Menschen mit ihren Ängsten und Nöten zu verstehen. Man stimmt ja so vielem zu und legt das Buch nur ungern aus der Hand.“